Europas Talentpool hat ein Leck. Wir verstehen es, einige der technisch versiertesten und ehrgeizigsten jungen Menschen der Welt hervorzubringen. Und doch lassen wir zu, dass dieses Potenzial versickert – sei es, weil wir ihren unternehmerischen Funken nicht entfachen, oder weil wir tatenlos zusehen, wie sie in dynamischere Ökosysteme wie die USA abwandern.
Das ist kein Hirngespinst. Ich habe diese Realität selbst erlebt und meine Erfahrung bestätigt, was die OECD „Missing Entrepreneurs“ nennt: Hinter diesem Begriff stehen 812 000 potenzielle junge Gründerinnen und Gründer, die für rund 11 Prozent unseres ungenutzten unternehmerischen Potenzials stehen. Sie fehlen nicht, weil es ihnen an Können mangelt, sondern weil das europäische Ökosystem, das sie eigentlich tragen sollte, zersplittert, schwer zugänglich und inkohärent ist.
Die Startrampe ohne Startbahn
My education is a perfect example of Europe’s strength. I graduated from one of Austria’s Höhere Technische Lehranstalten (HTLs), an intensive five-year program that provides an incredible launchpad. It armed me not just with deep technical skills in informatics, but also with a solid foundation in project management, accounting, and law. It was the perfect toolkit to start building something.
Meine Ausbildung ist ein Paradebeispiel für Europas Stärke. Ich habe eine der österreichischen Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) absolviert, eine intensive fünfjährige Schule mit Hochschulreife, die eine vielversprechende Startrampe bietet. Dort habe ich nicht nur fundierte technische Kenntnisse in der Informatik erworben, sondern auch ein solides Fundament in Projektmanagement, Rechnungswesen und Recht. Es war das perfekte Rüstzeug, um als Unternehmer durchzustarten.
Doch ohne die passende Startbahn bleibt das Durchstarten ein Traum. Als ich versuchte, außerhalb des Unterrichts eigene Projekte im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu verfolgen, wurden meine Ambitionen durch enge Budgets und lähmende bürokratische Trägheit ausgebremst. Die Antworten, die ich erhielt, klangen stets ähnlich: „Das steht nicht im Lehrplan“, „Dafür haben wir keine Mittel“, „Den Zugang können wir dir leider nicht gewähren“ oder schlicht: „Dafür ist kein Budget vorgesehen.“ Es war nie ein direktes Nein, sondern vielmehr ein stilles Eingeständnis, dass niemand wusste, wie man solche Vorhaben ermöglichen könnte. Dass Eigeninitiative so wenig gefördert wird, ist eines der Lecks des europäischen Talentpools.
Nach meinem Schulabschluss arbeitete ich daran, den europäischen Schienen-Personenverkehr durch eine einheitliche Buchungsplattform zu revolutionieren. Dabei wurde mir das eigentliche, klaffende Leck in Europas Talentpool bewusst: das nahezu vollständige Fehlen von Plattformen, die junge Innovatorinnen und Innovatoren mit Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern und Branchenveteranen verbinden. Diese Erkenntnis habe ich auf die harte Tour gelernt. Als 18-Jähriger in Gesprächen mit potenziellen Investorinnen und Investoren sowie mit einem funktionierenden Prototyp in der Hand, wurde schnell klar, dass die meisten nicht über mein Alter hinwegsehen konnten. In einer so abgeschotteten Branche wie dem Bahnsektor und ohne etablierte Kontakte blieben als Finanzierungswege nur kleine Frühphasenstipendien oder der komplizierte, langwierige Weg über Venture Capital.
Das ist das europäische Paradox: Wir investieren erhebliche Mittel, um technische Talente auszubilden, versäumen es jedoch, die notwendige „weiche Infrastruktur“ aufzubauen – jene Netzwerke, Mentoring-Strukturen, Finanzierungswege und gezielten Fördermöglichkeiten, die aus einem Projekt ein tragfähiges Unternehmen machen.
Die große Entkopplung
Beim entscheidenden Sprung von Talent zu Unternehmertum sprechen die Zahlen eine klare Sprache: 39 Prozent der jungen Menschen in der EU geben an, lieber selbstständig sein zu wollen, tatsächlich wagen jedoch nur 7 Prozent diesen Schritt. Diese Diskrepanz ist kein Zufall, sondern das Symptom eines fehlenden Ökosystems.

Diese Lücke ist nicht überall gleich ausgeprägt. Die Daten zeigen: In manchen Ländern verliert Europa deutlich mehr junge Unternehmerinnen und Unternehmer als in anderen. In Deutschland und Schweden liegt die Selbstständigenquote unter jungen Menschen bei unter vier Prozent, während sie in Ländern wie Italien und Griechenland über elf Prozent beträgt – was dort allerdings häufig auch einen Mangel an traditionellen Beschäftigungsmöglichkeiten widerspiegelt. Im EU-Durchschnitt liegt die Quote bei lediglich 6,5 Prozent, etwa halb so hoch wie in der Gesamtbevölkerung im erwerbsfähigen Alter.
Für junge Menschen mit einer Idee bleibt der Weg in die Selbstständigkeit oft verwirrend und steinig. Wo findet man die erste Mentorin oder den ersten Mentor? Wie spricht man mit einer Aufsichtsbehörde über eine Regulierung, die einen ausbremst? Und wie beantragt man Fördermittel, wenn Programme wie “Horizon Europe” eine entmutigend niedrige Erfolgsquote von 15,9 Prozent aufweisen und eher für große Institutionen als für dynamische Start-ups konzipiert sind?
Es ist daher kaum verwunderlich, dass viele meiner ehrgeizigsten Kolleginnen und Kollegen ihr Glück anderswo suchten. Sie nutzten ihre erstklassige Ausbildung und gründeten ihre Unternehmen in den USA, wo ein leichter Zugang zu Netzwerken, Frühphasenfinanzierung und eine Kultur, die junge Innovatorinnen und Innovatoren willkommen heißt, die Regel und nicht die Ausnahme sind. Dieser „Brain Drain“ ist der Preis, den wir für unseren undichten europäischen Talentpool zahlen.
Die Startbahnen, die Europa braucht
Es geht nicht darum, das Bildungssystem neu zu erfinden, sondern darum, die fehlenden Bindeglieder zu schaffen. Wenn junge Europäerinnen und Europäer gefragt werden, welche Unterstützung sie am dringendsten brauchen, um ein Unternehmen zu gründen, sind ihre Antworten eindeutig: Sie verweisen nicht auf einzelne Maßnahmen, sondern auf die Notwendigkeit eines vollständigen, funktionierenden Ökosystems.

Zunächst brauchen wir gezielte Plattformen, die Austausch und Vernetzung ermöglichen. Es bedarf strukturierter, leicht zugänglicher Foren, in denen junge Menschen direkt mit politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern sowie mit Branchenexpertinnen und -experten in Kontakt treten können. Estlands E-Residency-Programm zeigt, wie so etwas gelingen kann, indem es digital „die Tür öffnet“, sodass jede und jeder von überall aus ein Unternehmen gründen kann. Diese Denkweise benötigen wir auch, um unsere eigene Jugend wirkungsvoll mit der Wirtschaft zu verbinden.
Zweitens gilt es, Fördermöglichkeiten speziell für junge Menschen zu entwickeln, die über pauschale Programme hinausgehen. Ein gutes Beispiel ist das deutsche EXIST-Gründerstipendium, das Studierende und Absolventinnen gezielt dabei unterstützt, ihre Ideen in Prototypen zu überführen, und ihnen mit einem Stipendium eine entscheidende erste Finanzierungsrunde ermöglicht.
Schließlich müssen wir die Akteurinnen und Akteure stärken, die Europas Innovationsökosysteme aufbauen. In ganz Europa arbeiten engagierte Organisationen bereits daran, die nächste Generation von Verändererinnen und Veränderern zu fördern. Die Politik sollte darauf abzielen, diese Initiativen zu skalieren, ähnlich wie bei Enterprise Ireland, das als öffentliches Risikokapitalinstrument in die vielversprechendsten Start-ups und universitären Ausgründungen investiert und sie miteinander vernetzt.
Durchstarten
Die „fehlenden 11 %“ sind mehr als nur eine Statistik. Sie stehen für Europas verlorenes Potenzial und einen laufenden Brain Drain. Das Talent ist da, der Ehrgeiz ebenfalls. Doch solange wir keine Startbahnen, keine Netzwerke und keine offenen Türen schaffen, werden wir weiterhin zusehen, wie unsere klügsten Köpfe abheben, in Richtung von Zielen jenseits unserer Grenzen.
Dies wirft eine zentrale Frage für die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger auf:
Wenn Europa weiterhin Spitzentalente hervorbringt und diese dann an besser vernetzte Ökosysteme verliert, wie gelingt es, den Fokus von der bloßen Förderung von Institutionen hin zum aktiven Aufbau paneuropäischer Netzwerke zu verlagern, die junge Menschen dazu bewegen, ihre Zukunft hier zu gestalten?
Weiterführende Informationen finden Sie im OECD-Bericht „Die fehlenden Unternehmer 2023“. Informieren Sie sich außerdem über Estlands E-Residency-Programm, das deutsche EXIST-Gründerstipendium und Enterprise Ireland.
Adrian Davies is the founder of Meshara, a startup deploying the world's first truly scalable mesh network to connect the 2.6 billion people globally offline. His entrepreneurial journey began in school, where his diploma thesis on centralising European rail travel evolved into his first company, which he ran for two years.
This early experience as a founder solidified his path, leading to a TEDx talk at age 20. Recognising that solving complex global problems requires a multidisciplinary approach, he deliberately complemented his deep computer science background with studies in business law to build a comprehensive founder's toolkit. Today, this unique blend of expertise fuels his work at Meshara. The company is running its first pilot rollouts in countries like Ghana and Cameroon, providing critical connectivity for humanitarian aid, disaster response, and off-grid communities. For over five years, Adrian has also been an active member of global changemaker communities like Moonshot Pirates and Ashoka, championing a new generation of innovators.

