Als Nokia 2012 seine Rolle als Weltmarktführer in der Mobilindustrie verlor, standen tausende Mitarbeiter*innen in der finnischen Stadt Oulu vor einer ungewissen Zukunft. Unter ihnen Pasi Leipälä und seine Kollegen Teemu Vaattovaara, Jyrki Okkonen und Ville Ylläsjärvi. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie Teil einer von Nokias wichtigsten Forschungs- und Produktionsstellen. Unerwartet standen sie vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes.
Regionale Krisen
Massenentlassungen sind seit Langem eine schmerzhafte Realität in industrialisierten Volkswirtschaften. Sie treffen Industrien mit hohen Skalenerträgen, in denen die Werke entweder auf Hochtouren laufen oder vollständig schließen müssen – oft innerhalb weniger Wochen.
Obwohl großangelegte Entlassungen auf nationaler Ebene weniger als 15 % aller Kündigungen ausmachen, zeigt sich ihre reale Tragweite vor allem auf lokaler Ebene, wo ganze Regionen plötzlich mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit konfrontiert sind. Die Region Oulu ist ein prominentes Beispiel: Zwischen 2008 und 2015, als Nokia in die Krise geriet, stieg die Arbeitslosenquote um 80 %.
Betroffene Arbeitnehmer*innen sehen sich oft langfristigen Einkommenseinbußen gegenüber. Selbst wenn sie neue Stellen finden, sind die Löhne häufig niedriger, da hochwertige Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe oft schwer zu ersetzen sind. Regionen benötigen oft Jahre, um sich zu erholen, da entlassene Arbeitnehmer*innen frühzeitig aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, abwandern oder arbeitslos bleiben. Auch Unternehmen, die einst von diesen Arbeitnehmer*innen profitierten – Cafés, Geschäfte, lokale Zulieferer – leiden darunter, was die wirtschaftlichen Schäden vertieft.
Der Geopolitik ausgesetzt
Große Produktionsstätten sind oft in globale Lieferketten eingebunden und anfällig für die wechselnden Rahmenbedingungen des internationalen Handels und der Geopolitik. Angesichts der anhaltenden Veränderungen globaler Handelsbeziehungen stehen ähnliche Umbrüche bevor. Volkswagen erwog bereits in diesem Jahr die Schließung mehrerer Werke in Deutschland, wodurch Tausende Arbeitsplätze bedroht gewesen wären. Nur eine Last-Minute-Einigung mit der IG Metall konnte die Schließungen vorerst abwenden. Zahlreiche Industrien in OECD-Ländern, von Batterieherstellern wie Northvolt in Schweden, bis hin zu Industriegiganten wie ThyssenKrupp in Deutschland, stehen vor ähnlichen Herausforderungen.
Wie können die Folgen abgefedert werden?
Manchmal gelingt es Unternehmen, sich durch öffentliche Gelder, lokale Investoren oder das Engagement der eigenen Mitarbeitenden neu aufzustellen – oft verbunden mit der Bereitschaft, geringere Gewinne in Kauf zu nehmen, jedoch mit positiven Effekten für die betroffenen Regionen. So sicherte die Meyer Werft in der Region Ems-Achse Anfang 2024 Arbeitsplätze durch eigene strategische Anpassungen und neue Finanzierungsmöglichkeiten. Doch wenn die Schieflage eines Unternehmens auf globale Trends, statt auf temporäre Schwankungen zurückzuführen ist, sind solche Maßnahmen meist lediglich kostspielige Übergangslösungen.
Zukunftsgerichtete Anpassungen
Der Schlüssel zur Resilienz liegt darin, sich von der Abhängigkeit von anfälligen Industrien und Lieferketten zu lösen. Birmingham in Großbritannien ist dabei ein lehrreiches Beispiel. Als MG Rover, der größte Arbeitgeber der Region, 2005 den Betrieb einstellte, gingen über Nacht mehr als 6,000 Arbeitsplätze verloren, und viermal so viele waren bei lokalen Zulieferern gefährdet. Doch die jahrelange Arbeit der regionalen Entwicklungsagentur RDA West Midlands zur Diversifizierung der Lieferkette konnte vermutlich 10,000 bis 12,000 Arbeitsplätze retten. Allerdings entsprachen viele der neuen Arbeitsplätze nicht den alten, vor allem bezüglich der Löhne. Dies unterstreicht eine weitere wichtige Lektion: Es müssen die aufstrebenden Branchen entwickelt werden, um hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen und die verlorenen effektiv zu ersetzen.
Wenn möglich, zahlt es sich auch aus, frühzeitig mit Arbeitnehmer*innen zusammen zu arbeiten, um die Anzahl an Entlassungen einzuschränken. Strukturelle Veränderungen können jedoch plötzlich eintreten, sodass kaum Spielraum für vorausschauende Anpassungen bleibt. Und während es an anderen Orten Arbeitsplätze geben mag, sind viele Arbeitnehmer*innen – und ihre Familien – tief in ihren Gegenden verwurzelt und nicht bereit oder in der Lage, umzuziehen. In solchen Fällen sind gezielte lokale Programme unerlässlich, um Arbeitnehmer*innen beim Übergang zu helfen. Beispielsweise unterstützt der Europäische Fonds für die Anpassung an die Globalisierung (EGF) Arbeitnehmer*innen, die von Unternehmenskrisen mit mindestens 200 Entlassungen betroffen sind, beim Wechsel in eine neue Beschäftigung. Häufig geht es dabei um Umschulungen, von denen auch hochqualifizierte Arbeitnehmer*innen profitieren können.
Brücken bauen
Pasi Leipälä, Teemu Vaattovaara, Jyrki Okkonen und Ville Ylläsjarvi fanden 2012 mit Unterstützung des Bridge-Programms von Nokia eine neue Zukunft. Das Programm bot entlassenen Arbeitnehmer*innen Zuschüsse von bis zu 25,000 EUR und Weiterbildungen im Bereich Geschäftsführung, die sie als Sprungbrett zur Gründung von Haltian nutzten, einem Anbieter von IoT-Lösungen (Internet of Things) für Immobilien. Das Unternehmen gewann schnell an Fahrt und wuchs innerhalb eines Jahres auf 45 Mitarbeiter. Heute beschäftigt Haltian 140 Mitarbeiter, hauptsächlich an ihrem Hauptsitz in Oulu.
Das Bridge-Programm unterstützte auch geringqualifizierte Arbeitnehmer*innen bei der Jobsuche durch Schulungen. Darüber hinaus förderten Partnerschaften zwischen Bildungseinrichtungen und der Stadt Oulu neue Unternehmensgründungen. Zwischen 2011 und 2012 entstanden 114 neue Startups in der Region. Der Erhalt qualifizierter Arbeitskräfte stimulierte weiterhin ausländische Investitionen und die Schaffung lokaler Arbeitsplätze. Von 2010 bis 2016 eröffneten acht ausländische Unternehmen neue F&E-Einrichtungen in Oulu, wodurch 2,600 Arbeitsplätzen in der Informations- und Kommunikationsbranche geschaffen wurden.
Vorbereitet sein
Während sich Regierungen vieler OECD-Länder auf zukünftige Arbeitsplatzverluste in der Industrie vorbereiten, erinnern Geschichten wie die von Haltian daran, dass Massenentlassungen, so verheerend sie auch sind, ein Impuls für Transformation sein können. Es ist entscheidend, vorbereitet zu sein, denn diese Transformationsprozesse erfordern sorgfältige Planung, eine klare Vision und starke lokale Verantwortungsübernahme.
